Der Fänger im Roggen
Viele von uns haben in oder außerhalb der Schule das Buch „Der Fänger im Roggen“ (Original: „Catcher in the Rye“, J.D. Salinger) gelesen. Der Held, Holden Caulfield, ist einer dieser jungen Menschen – zu sensibel für das Elite-Internat, das er besuchen soll. Zu sehr mitgenommen vom Tod seines kleinen Bruders. Zu sehr abgestoßen von Egoismus, Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit. Zu sehr getroffen vom Leid seiner Lehrer und Mitschüler. Er ist gewissenhaft, hochempathisch und intelligent. Und er richtet sein Leid nicht oder kaum nach außen. Er leidet still nach innen, bis hin zur Selbstaufgabe.
Er träumt von einem Roggenfeld, in dem lauter kleine Kinder spielen. Doch das Roggenfeld endet an einer tückisch versteckten Klippe. Er, als der „Fänger im Roggen“, schützt diese Kinder davor, von der Klippe zu fallen, und bewahrt ihr freudvolles Spiel.
Das Bild identifiziert sowohl uns als Persönlichkeiten als auch unser Tun. Mit dem Unterschied, dass wir nicht als Einzelner, wie Holden, träumen, sondern gemeinsam, gestärkt durch das Gefühl der Zugehörigkeit, ins Tun kommen.
Die Quadratur des Kreises
Unseres Erachtens beruht unser derzeitiges Regelschulsystem, mit all seinen Bemühungen, wundervollen Ansätzen und Menschen, die sich mit ganz viel Herzblut investieren, auf der problematischen Grundlage der Zwangsvergesellschaftung, also der staatlicherseits mit Zwangsmitteln durchsetzbaren Pflicht, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort mit nicht frei wählbaren Menschen einen sehr erheblichen Teil seiner Lebenszeit verbringen zu müssen. Die Privat- und Intimsphäre junger Menschen, die grundsätzlich zum Schutzbereich der Menschenwürde gehört, wird hierdurch nicht unerheblich eingeschränkt.
Wir erkennen an, dass es sich hierbei um die derzeit demokratisch legitimierte Form der Bildungswirklichkeit in Deutschland handelt. Darüber hinaus erlaubt unsere Demokratie sowohl, Kritik frei zu äußern, als auch unter bestimmten Voraussetzungen alternative Schulformen in privater Trägerschaft umzusetzen. Für diese Möglichkeit sind wir dankbar und wollen hiervon unter größtmöglicher Gewährung der Selbstbestimmung der Verpflichteten Gebrauch machen.
Das bedeutet, dass, auch wenn wir durch die Teilnahme am Schulsystem der eingangs dargestellten Schulpflicht unterliegen, wir das Selbstbestimmungsrecht aller anwesenden Menschen bestmöglich achten wollen. Dies geschieht zum einen durch unsere Haltung, in der wir uns gegenseitig bestärken und stetig professionell weiterentwickeln, sowie durch die für jeden gegebene Möglichkeit, sich jederzeit in seinen privaten Schutzbereich zurückziehen zu können.
Was wir also schaffen wollen, sind individuelle Freiräume innerhalb einer gesellschaftlich gegebenen Realität. Wir sind der Überzeugung, dass genau dies auch dem „echten Leben“ entspricht, in dem es zu einem großen Teil darum geht, zu beiderseitigem Nutzen in Interaktion mit seiner Umwelt zu treten und dabei einen guten Umgang mit Komplexität, Diversität und dem Wissen der Zeit zu pflegen.
Genese
Wir glauben, dass jeder Mensch das Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit hat.
Darunter verstehen wir die Möglichkeit zur Erforschung der eigenen Persönlichkeit, Fähigkeiten und Neigungen und die soziale Anerkennung dieses Prozesses auf Basis der Gleichwürdigkeit aller Menschen.
Wir beobachten, dass der derzeitige Zustand des Regelschulsystems nicht in jedem Fall über angemessene Ressourcen zur Gewährleistung dieses Rechts auf Persönlichkeitsentfaltung verfügt.
Unserer Wahrnehmung nach führt das dazu, dass manche junge Menschen die ihnen immanenten Fähigkeiten nicht befriedigend entwickeln können. Dies kann sich äußern in gravierenden inneren und äußeren Konflikten.
Wir beobachten weiter, dass in der Arbeitswelt und der Wirtschaft von morgen, insbesondere vor dem Hintergrund der weiterhin rasanten technologischen Entwicklung, vollständig andere Fähigkeiten relevant sein werden als diejenigen, deren Erreichung der derzeitigen Konzeption des Regelschulsystems zugrunde liegt.
Wir glauben, dass in der Wirtschafts- und Arbeitswelt, in der sich die jungen Menschen von heute bewegen werden, insbesondere die Kompetenz gefragt sein wird, sich auf Veränderungen einzustellen und zu lernen sowie Informationen zu hinterfragen und sinnhaft auszuwerten.
Das Regelschulsystem in seiner heutigen Form basiert auf der Prämisse, dass junge Menschen zu ihrer Bildung einer Anleitung bedürfen und ohne diese nicht lernen könnten. Hierdurch wird den jungen Menschen, die Fähigkeit, sich selbst etwas beizubringen, abgesprochen. Das widerspricht zum einen den ersten Lebenserfahrungen – drehen, krabbeln, sitzen, aufrichten, laufen, sprechen, lernen die jungen Menschen im Alltag, in ihrem Tempo. Auch die angestrebte berufliche Metakompetenz, sich selbst Neues zu erarbeiten, wird grundsätzlich gesellschaftlich als möglich und erwünscht vorausgesetzt.
Diese Evidenz wird durch die Prämisse des Regelschulsystems konterkariert. Wenn ein junger Mensch den Schulbesuch und jede darauf gegebene Antwort stets mit Warum? hinterfragt, wird irgendwann der Punkt kommen, an dem als letzte Antwortmöglichkeit bleibt: Weil du es alleine nicht kannst. Dieses Feedback resultiert in der Lernerfahrung: Ich kann das nicht.
Eine solche negative Feedback-Schleife betrifft zum Glück nicht die Mehrheit, sondern nur wenige junge Menschen. Und zwar in der Regel diejenigen, die durch ihre eigene Abweichung von der den Durchschnitt konstituierenden Mehrheit einen besonderen Blick auf die Dinge haben.
Das sind insbesondere junge Menschen
- mit einer abweichenden Wahrnehmung, insbesondere einer erhöhten sensorischen Sensibilität
- mit einer besonders hohen Empathiefähigkeit
- mit einer um deutlich mehr als eine Standardabweichung vom Durchschnitt abweichenden Intelligenz
- mit sonstigen neurobiologischen Besonderheiten
- mit besonders prägenden Erlebnissen in der frühkindlichen Biographie
Diese jungen Menschen bringen nicht nur eine besondere Sichtweise, sondern auch besondere Talente mit. Talente, die insbesondere im sozialen, im logisch-wissenschaftlichen und/oder im künstlerischen Bereich liegen und deshalb für uns als Gesellschaft heute und in Zukunft von herausragender Bedeutung sind.
Wir wollen einen Rahmen bieten, der es diesen jungen Menschen ermöglicht, sich und anderen zu vertrauen und dadurch ihre Talente und Fähigkeiten zu ihrem eigenen und zum Nutzen der Gesellschaft zu erleben, zu verfeinern und anzuwenden.